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Stigmatisierungen in Mensch-Führhund-Triaden 5 153 Schlussbemerkungen und Ausblick Wie die angeführten Beispiele aus der vorhandenen Forschungsliteratur zeigen, können Führhundhalterinnen und -halter mögliche stigmatisierende Wirkungen ihrer Führhunde benennen. Unklar bleibt jedoch, ob diese auf tatsächlichen Stigmatisierungserfahrungen der Führhundhalterinnen und -halter beruhen, da in der Literatur nicht darauf eingegangen wird, wie die Stigmatisierung in der jeweiligen Situation handelnd vollzogen wird. Zu Stigmata werden im Allgemeinen solche Eigenschaften und Verhaltensweisen, die von Normen abweichen und als nicht wünschenswert erachtet werden, da sie z. B. auf einen Mangel einer Person hinweisen. Die Erscheinungsformen von Stigmata sind vielfältig. In Mensch-Führhund-Triaden reichen sie von einer unterstellten Hilflosigkeit des blinden Führhundhalters bzw. der blinden Führhundhalterin über eine mangelnde soziale Akzeptanz von Hunden im Allgemeinen bis hin zu konkretem Fehlverhalten der Führhunde. Auch kleine Verstöße gegen moralische Standards, wie die mangelnde Beachtung der Unsicherheit einer Person im Umgang mit Hunden durch den Hundehalter bzw. die Hundehalterin, haben unter Umständen das Potenzial, in bestimmten Situationen zu Stigmata von Hundehalterinnen und -haltern im Allgemeinen zu werden. Ob eine bestimmte Eigenschaft oder ein bestimmtes Verhalten in konkreten Alltagssituationen eine stigmatisierende Wirkung hat, entscheidet sich in konkreten Interaktionen und wird zwischen den Beteiligten vor dem Hintergrund bestehender Normen ausgehandelt. Da Normen aber grundsätzlich auch veränderbar sind, gilt dies auch für potenzielle Stigmata. So können blinde Menschen, indem sie ihre Fähigkeiten im öffentlichen Raum unter Beweis stellen und auch schon häufig gestellt haben, weiterhin dazu beitragen, dass Blindheit in Zukunft ihre stigmatisierende Wirkung ganz verliert. Blinde Menschen können aber natürlich nicht nur aufgrund ihrer Blindheit stigmatisiert werden. Auslöser für eine mögliche Stigmatisierung können z. B. auch das äußere Erscheinungsbild oder das Fehlverhalten eines Führhundes sein. Auch die Personen, die die Gültigkeit von Normen nicht in Frage stellen, verfügen über vielfältige Strategien dafür, Stigmatisierungen zu vermeiden. Eine Strategie besteht darin zu versuchen, die eigenen stigmatisierenden Merkmale zu beseitigen oder zumindest ihre Aufdringlichkeit zu reduzieren. Der Führhund kann z. B. auch dazu dienen, das Merkmal Blindheit in den Hintergrund zu drängen. In dem von mir bis jetzt gesammelten empirischen Material spielt eine offene Stigmatisierung von Führhundhalterinnen und -haltern jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Dieses Ergebnis bestätigt mein Fazit, das ich aus der existierenden Forschungsliteratur gezogen habe: Dort werden zwar mögliche stigmatisierende Wirkungen von Hilfsmitteln sowie Strategien diskutiert, die eine Stigmatisierung 154 Natalie Geese verhindern sollen. Auf tatsächlich stattfindendes stigmatisierendes Handeln wird jedoch nicht eingegangen. Dies wirft die Frage auf, ob die potenziellen Stigmata auf tatsächlichen Stigmatisierungserfahrungen beruhen oder ob es sich dabei um Deutungen handelt, die behinderte Menschen nichtbehinderten Menschen unterstellen. In dem vorgestellten Fallbeispiel sind die Interagierenden vor allem bemüht, ihr positives Image zu wahren. Sie lehnen eine Identifikation mit möglicherweise stigmatisierend wirkenden Eigenschaften ab bzw. versuchen zu vermeiden, dass sich solche Eigenschaften in den Vordergrund drängen. Diese Strategie wird aber nicht nur von der blinden Person, sondern auch von den sehenden Interaktionsteilnehmerinnen verfolgt. Dies bedeutet, dass nicht nur behinderte, sondern auch nichtbehinderte Menschen einen möglichen Imageverlust befürchten. Somit ist anzunehmen, dass alle Menschen auch Opfer von Stigmatisierungspraktiken werden können. In meinem Beispiel wird allerdings überhaupt nicht versucht, eine andere Person offen zu stigmatisieren – möglicherweise, um hierdurch nicht das eigene positive Image zu verlieren. In zukünftigen Studien muss also danach gefragt werden, wie häufig Stigmatisierungen tatsächlich verwirklicht werden. Wie oft werden bereits im Vorfeld Maßnahmen ergriffen, sodass es gar nicht erst zu einer Stigmatisierung kommt? Schließlich stellt sich auch die Frage, inwiefern Goffmans Stigmatheorie vor dem Hintergrund aktueller Untersuchungen modifiziert werden muss. Ich gehe zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass es sich bei Stigmatisierung um einen Prozess handelt, der komplexer und facettenreicher sein dürfte als derjenige, den Erving Goffman vor über fünfzig Jahren zur Diskussion gestellt hat. 

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