Natalie Geese
über die Umwelt mit, sondern trifft auch eigenständig Entscheidungen. So initiiert
er z. B. eigenständig das Umgehen von Hindernissen.2
Da der Arbeitsplatz des sogenannten Führgespanns (des Teams, bestehend aus
blindem Menschen und Führhund) der öffentliche Raum ist, wird ein Führgespann
während der gemeinsamen Arbeit immer wieder auf weitere, in der gleichen sozialen
Situation anwesende Menschen treffen. Dies bedeutet, dass die Frage, inwiefern ein
Führgespann seinen Alltag unbehindert bewältigen kann, nicht allein durch die
Betrachtung der Interaktion – des wechselseitig aufeinander bezogenen Handelns
– innerhalb des Führgespanns beantwortet werden kann. Vielmehr sind es auch die
Erwartungen und die konkreten Reaktionen Dritter, die die Arbeit des Führgespanns
beeinflussen. Auch wenn ein Führhund die Mobilität seines blinden Menschen
erweitern und ihn so zur Teilhabe befähigen soll, vertrete ich hier die These, dass
es im Rahmen von Interaktionen in triadischen Konstellationen (blinder Mensch,
Führhund und sehender Mensch) auch immer wieder Situationen geben wird, die
für die Interaktionsteilnehmenden problematisch sind. Dies dürfte vor allem dann
der Fall sein, wenn es zur Stigmatisierung der Beteiligten kommt. Im Rahmen des
vorliegenden Beitrags möchte ich die Frage beantworten, ob Stigmatisierung in
Führhund-Mensch-Triaden auftritt. Da ich in Anlehnung an Wolfgang Lipp davon
ausgehe, dass es sich bei Stigmatisierung um einen dynamischen Prozess handelt,
der sich im Rahmen konkreter Interaktionen vollzieht (vgl. Lipp 2010: 62), stellen
sich ferner folgende Fragen: Welche Bedingungen verursachen Stigmatisierungen
in Mensch-Führhund-Triaden? Wie äußert sich Stigmatisierung im Alltagshandeln
der Beteiligten? Welche Maßnahmen werden von den Beteiligten ergriffen, um
mit einer Stigmatisierung umzugehen? Kommen auch Strategien zum Einsatz, die
Stigmatisierungen im Vorfeld verhindern sollen?
Das folgende Kapitel fasst die auf die hier gestellten Fragen bezogene Forschungsliteratur zusammen, formuliert Kritikpunkte und zeigt Forschungslücken auf. Im
Anschluss daran lege ich das methodische Vorgehen meiner eigenen Studie dar, bevor
ich anhand eines Fallbeispiels aus meiner Untersuchung exemplarisch einen Prozess
zur Verhinderung einer möglichen Stigmatisierung in Mensch-Führhund-Triaden
näher beleuchten werde. Der vorliegende Beitrag soll also Aufschluss darüber
geben, unter welchen konkreten Alltagsbedingungen blinde Nutzerinnen bzw.
Nutzer von Führhunden und die mit ihnen Interagierenden stigmatisiert werden
und mithilfe welcher Strategien dieses Problem gelöst werden kann. Er enthält aber
auch Hinweise auf Stigmatisierungsprozesse, die vermutlich auf Hundehalterin2 Bei diesen eigenständig vom Führhund getroffenen Entscheidungen handelt es sich
jedoch um ein gelerntes Verhalten, das ihm im Rahmen einer Ausbildung von einem
Trainer bzw. einer Trainerin beigebracht wurde.
Stigmatisierungen in Mensch-Führhund-Triaden
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