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Stigmatisierungen in Mensch-Führhund-Triaden 143 eines Führhundes abstoßend – weil er z. B. zu dick ist – so wird unter Umständen auch seine Halterin bzw. sein Halter als abstoßend empfunden. In einer Studie von Janice Kathryn Foyer Lloyd aus Neuseeland, in der Führhundhalterinnen und -halter zu den Faktoren befragt werden, die ein erfolgreiches Führgespann ausmachen, erklärt eine interviewte Person, es sei ihr wichtig, dass ihr Führhund gut aussieht, da sie von ihren Mitmenschen oft angestarrt wird: „I feel like I live my life in a fish bowl, with everyone watching – so why shouldn’t my dog look nice?“ (Lloyd 2004: 105). Auf der anderen Seite würde ein Führhund mit einem zu ansprechenden äußeren Erscheinungsbild andere Menschen auch dazu verleiten, ihn einfach zu streicheln, was ein Führgespann bei der Arbeit ablenken würde. Ob eine Eigenschaft zum Stigma wird, hängt nicht nur davon ab, inwieweit sie von bestehenden Normen abweicht, sondern auch davon, ob sie von anderen Menschen wahrgenommen werden kann (vgl. Goffman 2007: 64). Die Wahrnehmbarkeit wiederum wird nicht nur durch die Sichtbarkeit der verkörperten stigmatisierenden Eigenschaft an sich bestimmt. Entscheidend ist vielmehr all das, was auf die stigmatisierende Eigenschaft hinweist. Die Hilfsmittel behinderter Menschen sind solche Hinweise, die so zu „Stigmasymbolen“ (Goffman 2007: 59) werden. Beispielsweise ist in der Verordnung über die Zulassung von Personen zum Straßenverkehr zu lesen: Wesentlich sehbehinderte Fußgänger können ihre Behinderung durch einen weißen Blindenstock, die Begleitung durch einen Blindenhund im weißen Führgeschirr und gelbe Abzeichen nach Satz 1 kenntlich machen (Verordnung über die Zulassung von Personen zum Straßenverkehr: § 2 Abs. 2). Während ein Führhund seinen Halter bzw. seine Halterin einerseits befähigen soll, am Straßenverkehr teilnehmen zu können, soll er andererseits die Aufmerksamkeit anderer Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer gezielt auf ein Merkmal lenken, das von manchen Personen als Defizit gedeutet werden könnte. Gerade für Menschen, die erst vor kurzer Zeit erblindet sind und ihre Blindheit noch nicht akzeptiert haben, ist es oft schwer, sich auf die Nutzung einer Mobilitätshilfe einzulassen, da sie sich hierdurch anderen Menschen zwangsläufig als blind präsentieren müssen. Einigen blinden Menschen ist es aber auch wichtig, durch ihre Mobilitätshilfen ihre Blindheit offen an Dritte zu kommunizieren, um Missverständnissen in Interaktionen vorzubeugen. Ist die Blindheit für Dritte nicht wahrnehmbar, so werden sie davon ausgehen, dass ihr Gegenüber sehend ist. Reagiert ihr Gegenüber nicht auf nonverbale Zeichen, so kann dies Unverständnis bei den zeichensetzenden Personen hervorrufen. Auch wenn Goffman sich primär auf stigmatisierende Attribute konzentriert, kann auch das gegen Normen verstoßende Verhalten Stigmatisierung zur Folge 144 Natalie Geese haben. So ist es unüblich, dass erwachsene Menschen von anderen Lebewesen geführt werden. Wenn ein erwachsener Mensch auf die Führung durch einen Hund angewiesen ist, dann kann hierdurch bei anderen Menschen möglicherweise der Eindruck entstehen, der blinde Mensch sei hilflos und inkompetent. Auslöser für eine Stigmatisierung kann auch ein Fehlverhalten des Hundes eines Führhundhalters bzw. einer Führhundhalterin sein. Im Allgemeinen werden Halterinnen bzw. Halter von Hunden für das Fehlverhalten ihrer Hunde verantwortlich gemacht (vgl. Sanders 1999: 3). In der Studie von Janice Kathryn Foyer Lloyd nennen die interviewten Führhundhalterinnen und -halter das Plündern als Fehlverhalten ihrer Führhunde. So berichtet eine interviewte Person, es sei ihr unangenehm gewesen, als ihr Führhund auf einer Grillparty Fleisch gestohlen hatte und sie dies erst zu Hause bemerkt hat: I was at a barbecue where they were serving meat and it wasn’t until I got home and couldn’t get the harness off over the dog’s head that I realised it had a big steak hanging out of its mouth (Lloyd 2004: 74). Allerdings wird vermutlich auch ein auf einer Party plündernder Familienhund eine Stigmatisierung seines Halters bzw. seiner Halterin auslösen, sodass die Stigmatisierung hier nicht auf Blindheit zurückzuführen ist. Insgesamt findet man in der Forschungsliteratur nur wenige Hinweise darauf, was in der Öffentlichkeit als Fehlverhalten von Führhunden gilt und wie sich die Erwartungen Dritter bezogen auf angemessenes Verhalten von Führhunden von ihren Erwartungen bezüglich des angemessenen Verhaltens von Familienhunden unterscheiden. Diese Frage muss in zukünftigen empirischen Studien näher beleuchtet werden. 2.2 Stigmatisierung symbolisierendes Ausdruckshandeln und Strategien zum Umgang mit Stigmatisierung Welches Handeln seines Gegenübers zeigt der stigmatisierten Person, dass sie gerade stigmatisiert wird? Diese Frage wird von Goffman zwar nicht ausführlich behandelt, aber als Ausdruck von Stigmatisierung nennt er zumindest die Annäherung von Fremden an das stigmatisierte Individuum (vgl. Goffman 2007: 26f.) – etwa in Form von Anstarren oder von Fragen, die das stigmatisierende Merkmal zum Gegenstand haben, sowie durch das Anbieten von nicht erforderlicher Hilfe. Diese Verhaltensweisen werden von den stigmatisierten Personen typischerweise als 

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