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Hundehaltung in der zweiten Lebenshälfte 159 verhalten oder dass die soziale Situation insgesamt – also z. B. der Dorfplatz oder die Fußgängerzone – durch die Anwesenheit von Hunden ihren Charakter hin zu mehr Sicherheit und Vertrautheit verändert. Letzteres kann aber auch gegenteilig wirken, denn nicht alle diese Interaktionen müssen positiv wahrgenommen werden oder sein: Manchmal können Hunde ganz offensichtlich auch störend oder in seltenen Ausnahmefällen sogar tödlich sein (siehe etwa Heinze et al. 2014). In der ganz überwiegenden Mehrheit der Studien werden jedoch positive Effekte berichtet und untersucht. Haustiere dienen fraglos als kommunikative Ressource in dem Sinne, dass sie sich als Gesprächsthema anbieten (Bergmann 1988). Insbesondere Hunde fördern aber auch Kommunikationen insofern, als dass die Hundebesitzer/-innen vermittelt durch diese in Kontakt zu anderen Personen treten können bzw. sogar müssen, das Gesprächsthema gibt es quasi ggf. dazu (Rogers et al. 1993). Sie sind somit auslösendes Moment wie inhaltlicher Bezugspunkt zugleich. Dies gilt sowohl für die Kontakte zu anderen Hundebesitzer/-innen, etwa wenn Hunde sich gegenseitig beschnüffeln oder anknurren, als auch zu Personen ohne Hunde, etwa wenn die Einkaufstaschen fremder Leute durchforstet werden (Robins et al. 1991). So zeigt beispielsweise die qualitative Studie von Wood et al. (2007), dass Interviewpartner/-innen ihre auszuführenden Hunde als Anknüpfungspunkt für Gespräche in der Nachbarschaft nutzen und so ungezwungen und zu einem relativ neutralen Thema Interaktionen auch mit ihnen unbekannten oder wenig bekannten Personen aufnehmen. Diese Form der Interaktion – so Jackson (2010) – bringe zudem Personen unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammen und könnte daher im Sinne eines „bridging social capital“ verstanden werden (siehe hierzu Putnam 2000: 411). Auch wechselseitige Unterstützungsleistungen in der Nachbarschaft können durch Haustiere angestoßen werden, etwa bei der Pflege der Tiere in der Urlaubszeit oder bei anderen Unpässlichkeiten (z. B. Wood et al. 2007: 48f.). Zunehmend gewinnen Interaktionen in virtuellen sozialen Netzwerken an Gewicht. Auch hier können Tiere als kommunikative Ressource dienen (siehe z. B. Golbeck 2011). Sie ermöglichen intensive Formen posttraditionaler Gemeinschaften (vgl. Deterding 2008). Diese könnten vielleicht gerade im Alter von zunehmender Bedeutung sein, etwa wenn Mobilitätseinschränkungen eine Hundehaltung erschweren. Neben solchen Befunden zu Haustieren als Anlass für Interaktionen, Mittler zwischen menschlichen Wesen oder sozialem Kapital im Sinne von Putnam (2000) stehen Studien, die Tiere als direkte Interaktionspartner fokussieren und beispielsweise analysieren, wie Haustiere erlebte Einsamkeit verringern oder als Quelle für emotionale Unterstützung dienen. Haustiere vermitteln zudem möglicherweise das Gefühl, noch gebraucht zu werden, können dem Leben eine Sinn geben. Vergleich- 160 Harald Künemund, Julia Hahmann und Katja Rackow bar zu „friendship enrichment programs“ (Stevens et al. 2006), also Interventionen zum Aufbau neuer Freundschaften, werden Tiere daher auch zunehmend in Institutionen des Alterns nicht nur zur Vermeidung von sozialer Isolation, sondern auch zur Reduktion von emotionaler Einsamkeit eingesetzt. So zeigen Studien der „animal-assisted therapy“ einen signifikant geringeren Einsamkeitswert bei Studienteilnehmer/-innen (z. B. Banks/Banks 2002). Aufgrund geringer Stichprobenumfänge – in diesem Fall 45 Studienteilnehmer/-innen in drei Einrichtungen –, der häufigen Querschnittdesigns und der fehlenden Kontrolle von Drittvariablen ist die Aussagekraft der Studienergebnisse jedoch oftmals stark eingeschränkt (für einen Überblick vgl. z. B. Barker/Wolen 2008; Filan/Llewellyn-Jones 2006; Nimer/ Lundahl 2007). Die Annahmen sind freilich meist relativ plausibel, etwa dass die Mensch-Tier-Interaktion selbst, die Zuverlässigkeit der Begleitung durch das Tier oder die Notwendigkeit ihrer Versorgung stabilisierende Effekte auf Individuen haben (Smith et al. 2011: 219). Die Ursachen jedoch sind nicht immer eindeutig – das zunehmende emotionale Wohlbefinden könnte ebenso der neugewonnenen Aufmerksamkeit der Forscher geschuldet sein wie dem Tier selbst (vgl. Perelle/ Granville 1993). Trotz solcher Unsicherheiten in der Befundlage wird dem Feld der „animal-assisted therapy“ sowohl in der Praxis als auch in der Forschung eine große Zukunft prognostiziert: Despite the poor methodological quality of pet research after decades of study, pet ownership and animal-assisted therapy are likely to continue due to positive subjective feelings many people have toward animals (Cherniack/Cherniack 2014: 1). Dies – so attestieren Connell et al. (2007: 481) – könnte auch an der Tierliebe der in diesem Bereich engagierten Forscher/-innen liegen. Freilich gibt es auch gegenteilige Thesen und Befunde, die in Bezug auf die Älteren relevant sein können. So wird konstatiert, dass Tiere materielle Kosten mit sich bringen, und vermutet, dass Sorgen über den Verbleib des Tieres nach dem eigenen Tod das Wohlbefinden der älteren Tierbesitzer beeinträchtigen können (z. B. Gerwolls/Labott 1994). Anzeichen für eine historisch wachsende emotionale Bindung an Haustiere und die individuelle Bedeutung des Verlusts werden auch in der zunehmenden Zahl von Tierfriedhöfen gesehen (Wiedenmann 1993; vgl. auch Meitzler in diesem Band), Trauer um den Verlust der Tiere kann ebenfalls negativ zu Buche schlagen. Es wurde auch schon behauptet, „pet owners are less psychologically healthy“, und zwar weil sie in der Tendenz häufiger angeben, Tiere mehr zu mögen als Menschen (Cameron/Mattson 1972: 286). In der Tat sind entsprechende Sprichworte allgemein bekannt, etwa das man Tieren eher trauen könne als Menschen. In diese Richtung weist auch der Titel der Arbeit von Golbeck (2011): „The Hundehaltung in der zweiten Lebenshälfte 161 more people I meet, the more I like my dog“. In der Konsequenz könnte in Bezug auf das hohe Alter daher vermutet werden, dass der intensive Bezug zu einem Tier eine Vermeidung sozialer Kontakte sogar noch unterstützen kann oder dass die notwendigen Aufgaben im Zusammenhang mit der Tierpflege zur Belastung werden können. In dieser Perspektive könnten Ältere mit Haustieren also sogar häufiger sozial isoliert und insgesamt weniger zufrieden sein. Wir vermuten vorläufig, dass diese Fälle seltener sein werden als positive Erlebnisse und Wirkungen, Phasen der Trauer weniger andauernd als solche der emotionalen Nähe usw., sehen aber derzeit keine Möglichkeit, solchen Verteilungsannahmen mit belastbaren Daten nachgehen zu können. 2.2 Hunde und Gesundheit Haustiere – und hier insbesondere Hunde – sorgen für physische Aktivität, forcieren eine gewisse zeitliche Strukturierung des Tagesablaufs und erhalten allgemein den Kontakt zur Außenwelt. Letzteres nicht nur, weil für die Tiere gesorgt und eingekauft werden muss oder Hunde regelmäßig ausgeführt werden müssen – sie erhalten auch psychologisch betrachtet den Kontakt zur Außenwelt, zur umgebenden Realität, etwa wenn sie nach Aufmerksamkeit oder Essen verlangen. Auch die bereits berichteten Zusammenhänge mit sozialen Beziehungen und emotionaler Einsamkeit sollten in diese Richtung wirken: Es wird beispielsweise argumentiert, Tierbesitzer/-innen wären zufriedener, weniger einsam, hätten eine höhere Selbstakzeptanz, mehr Hoffnung und dergleichen mehr: Pet-owners were significantly more self-sufficient, dependable, helpful, optimistic, and self-confident, than non owners, while non-owners tended to show less self-acceptance, self-centeredness, pessimism, and more dependency on others (Kidd/ Feldmann 1981: 872). Dies kann dann wiederum zusätzlich positiv auf die Gesundheit wirken. Ganz allgemein lassen sich Prävention und Rehabilitation als Kontexte unterscheiden, in denen Wirkungen vermutet und untersucht wurden. Eine präventive Wirkung haben nach diesen Studien insbesondere Hunde. Betont wird dabei oft auch der enorme ökonomische Vorteil gegenüber anderen präventiven (und insbesondere natürlich kurativen) Maßnahmen (siehe exemplarisch Wells 2009; eine datengestützte Hochrechnung auf eine Gesamtbevölkerung findet sich z. B. bei Headey 1999). Vor allem das Ausführen des Hundes erfordert typischerweise körperlichen Einsatz, weshalb eine höhere physische Aktivität bei Hundebesitzer/-innen nachgewiesen werden konnte (Serpell 1990; Rijken/van Beck 2010; Andreassen et 162 Harald Künemund, Julia Hahmann und Katja Rackow al. 2013; vgl. außerdem die Übersicht bei Westgarth et al. 2014) – nicht jedoch bei Katzenbesitzer/-innen. Dies führt u. a. möglicherweise zu dem geringeren Anteil von Übergewichtigen bei den Hundebesitzer/-innen, dem selteneren Bluthochdruck (z. B. Vormbrock/Grossberg 1988; Utz 2014) und niedrigeren Cholesterinwerten (Levine et al. 2013). Darüber hinaus führt der Besitz von Tieren offenbar dazu, dass häufiger ambulante ärztliche Versorgungseinrichtungen aufgesucht werden, anstatt sich in stationäre Behandlung zu begeben (Rijken/van Beck 2010), und dass Tierhalter/-innen insgesamt seltener einen Arzt aufsuchen (Headey/Grabka 2007). Dahinter steckt vielleicht die Sorge, dass ein Tier während der Abwesenheit versorgt werden muss, was möglicherweise nicht so gerne Fremden überlassen wird (Andreassen et al. 2013), was dann jedoch den o. g. Effekt auf die sozialen Beziehungen relativieren würde. Weiterhin wird berichtet, dass Hunde beim Aufspüren von ernsten gesundheitlichen Veränderungen bei Menschen anschlagen können und beispielsweise eine Krebserkrankung vorzeitig erkannt haben (Wells 2007; gleiches wird für Epilepsie und Diabetes berichtet). Im Kontext der Rehabilitation bzw. Kuration kann zunächst wieder allgemein auf den weiten Bereich der „animal-assisted therapy“ verwiesen werden. Hunde können dabei z. B. auch bei schweren Entstellungen etwa durch Verbrennungen usw. emotional und psychisch stützen, da sie – anders als Menschen – in der Regel nicht auf das Äußere einer Person reagieren. Darüber hinaus wurde z. B. gezeigt, dass Personen mit Tieren nach einem Herzinfarkt eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben (Friedman et al. 1980). Die Befunde hierzu sind zwar zahlreich, bleiben aber ebenfalls oft uneindeutig – beispielsweise könnte es sein, dass Personen mit geringerem Blutdruck eher zur Hundehaltung neigen. Streng genommen wären zum Nachweis von kausalen Beziehungen Längsschnittdaten und die Konstanthaltung der Randbedingungen notwendig. Demgegenüber haben wir den Eindruck, dass die Studien – wie auch die bereits zitierten Übersichtsarbeiten beispielsweise von Barker/Wolen (2008) zeigen – zumeist methodisch nicht recht überzeugen können. Sie werden oft anhand kleinster Stichproben oder Fallstudien gewonnen, gelegentlich mit experimentellen Designs, selten hingegen mit randomisierten oder gar repräsentativen Stichproben. Generell ist eine methodisch elaborierte Forschung – sei sie von Theorien ausgehend hypothesengeleitet, ethnographisch oder hypothesengenerierend angelegt – in diesem Feld eher selten.1 Die intuitive 1 Als u. E. krasseste anekdotische Evidenz sei auf den Aufsatz von Scheibeck et al. (2011) verwiesen, bei dem jegliche methodische Bemühung unter der Hand zur Realsatire mutiert. Anders als bei satirisch gemeinter Literatur – immer noch sehr empfehlenswert z. B. Honer/Hitzler (1987) – bleibt zumindest uns das Lachen hier etwas im Halse stecken, da dieser Beitrag keine Ausnahme in dieser „double blind peer reviewed“ Zeitschrift ist und dieser Extremfall einen Blick auf das mögliche Spektrum wissenschaftlicher Hundehaltung in der zweiten Lebenshälfte 163 Überzeugungskraft der vermuteten und z. T. belegten Wirkungen lässt diesen Mangel verschmerzbar erscheinen – dennoch lohnt u. E. ein Blick auf die Korrelate eines Hundebesitzes in solchen Datensätzen: Die hohe Plausibilität der Annahmen sollte dann ja verbürgen, dass wir entsprechende Korrelationen leicht vorfinden können. 3 Daten und Methoden Wir ziehen für unsere deskriptiven Analysen zwei Datensätze heran – das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) für eine Bestimmung z. B. der Altersunterschiede in der Hundehaltung sowie den Alters-Survey für detaillierte Analysen zu den älteren Menschen. Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) ist eine wissenschaftsgetragene Längsschnittuntersuchung, bei der Personen und Haushalte in Deutschland seit 1984 jährlich wiederholt zu demographischen, sozialen und ökonomischen Belangen befragt werden (vgl. Schupp/Wagner 2002). Die Daten erlauben einen Blick auf die Zusammenhänge zwischen dem Vorhandensein von Hunden im Haushalt und zahlreichen weiteren Merkmalen, vor allem aber bietet der Längsschnitt die Möglichkeit, den Wirkungen und Effekten der Hundehaltung nachzugehen. Für Analysen zu den möglichen Zusammenhängen zwischen der Hundehaltung und der individuellen Gesundheit bzw. den sozialen Beziehungen bieten sich die Befragungen aus den Jahren 2006 und 2011 an. In beiden Wellen findet sich im Haushaltsfragebogen die Frage „Haben Sie oder eine andere Person in Ihrem Haushalt ein oder mehrere Tiere? Wenn ja, welche?“, wobei in der Hybridfrage die Antwortvorgaben Hund, Katze, Vogel, Fische sowie Pferd vorgegeben waren und weitere Tiere offen angegeben werden konnten. Neben einigen sozialstrukturellen Merkmalen werden potenzielle positive und negative Wirkungen einer Veränderung im Merkmal Hundehaltung betrachtet, indem vier Gruppen von Haushalten unterschieden werden: Haushalte, in denen zu beiden Erhebungszeitpunkten ein Hund vorhanden war; Haushalte, in denen zu keinem Zeitpunkt ein Hund lebte sowie zwei Gruppen, in denen zu jeweils einem Messzeitpunkt ein Hund zum Haushalt gehörte, zu dem anderen jedoch nicht. communities freigibt, der wirklich keine Begeisterung auslösen kann. Immerhin aber hat sich die Zeitschrift nicht halten können – es gibt in den beiden erschienen Ausgaben auch ausschließlich Beiträge mit Koautorenschaft des Herausgebers (der zugleich Vorsitzender der die Zeitschrift herausgebenden Gesellschaft ist) – sodass uns ein gewisses 

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