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Hunde ohne einen Meister wären nutzlos

 55 Der Henker und die Köter In dem Märchen „Die drei Sprachen“ wird der Protagonist von seinem Vater dreimal zu Lehrern geschickt, um eine fremde Sprache zu lernen. Dreimal kommt er mit Sprachen zurück, die in den Augen des Vaters unsinnig sind. Nach dem dritten Mal setzt der Vater ihn vor die Tür. Die Logik des Märchens will es, dass der Held des Märchens die drei gelernten Sprachen so einsetzen kann, dass er es am Schluss zum Papst schafft. Die erste der gelernten Sprachen ist die Sprache der Hunde. Sie kommt zum Einsatz, als er um ein Nachtasyl bittet und der Burgherr im mitteilt, dass wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort, und zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen ausgeliefert haben, den sie auch gleich verzehren. Der Protagonist überlebt und befreit die Stadt, die in Furcht lebt, zudem von der Meute, die einen Schatz bewachen musste (Grimm/Grimm 2002: 126). So seltsam diese Erzählungen auch anmuten, bergen sie doch oftmals einige interessante Vorstellungen jenseits des Wunderbaren in sich. In der Geschichte von den drei Sprachen ist dies sicher das Hunderudel, vor dem die Menschen in Angst leben. Auch in anderen Märchen werden sie erwähnt, oder man erfährt, dass Haustiere ausgesetzt werden, wie das bei den Bremer Stadtmusikanten der Fall ist. Auch ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt kaum Bilder aus dem späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit, in der nicht Hunde frei und ungehindert herumlaufen. Sie gehörten zum Stadtbild jener Zeit. Ein Grund dafür ist das Fehlen von wirksamen Mitteln der Kastration. Ungewollte Schwangerschaften von Hündinnen führten oftmals dazu, dass die Jungtiere ausgesetzt wurden. Archäozoologische Spuren zeigen, dass solche jungen Hunde oftmals genutzt wurden, um ihnen das Fell abzuziehen (Spahn 1986: 66). Belege für das Wissen um eine Kastration der Tiere sind erst im 18. Jahrhundert zu finden (von der Driesch/Peters 2003: 109). Ausgesetzte Hunde, die sich in Gruppen zusammentaten, konnten für Stadtbewohner zu einer Plage werden. Im Jahr 1444 wurden in Wien über 850 freilaufende Hunde eingefangen und getötet. Diese Aufgabe oblag dem Hundeschlachter, der eigentlich der städtische Henker war, der von der Stadt stückweise mit 20 Pfennig entlohnt wurde (Wacha 1977: 240). 56 4.2 Heiko Schnickmann Die Strafe hängt am Fuße – Hunde als Objekt des Strafvollzugs Die Tatsache, dass die Hunde ohne Herren waren, machte sie nicht automatisch nutzlos. Im Gegenteil war die Besitzerlosigkeit der Tiere für gewisse Vorhaben von Vorteil. Innerhalb des Strafvollzugs sind zwei Arten bekannt, wie Hunde eingesetzt wurden. Die erste ist eine ehrenrührige Strafe für Adelige. Einen ersten Hinweis auf eine dieser Strafen findet sich im Jahre 1110 in Prag. Dort war es zu einer handfesten Auseinandersetzung um das Herzogtum Böhmen gekommen. Herzog Wladizlaus nahm einzelne Rebellen fest und unterzog ihre Anführer einem recht merkwürdigen Schauspiel. Nachdem man einen großen, räudigen Hund mit verdorbener Brühe überfüttert hatte, band man diesen einem der Rädelsführer auf die Schultern. Dieser hatte nun mit dem Hund, der sich übergab und auf Grund der Situation sicherlich alles andere als freundlich zu demjenigen war, der ihm um den Hals trug, durch die Stadt Prag zu gehen, während er von den Prager Bürgern zusätzlich noch beschimpft wurde (Schwenk 1990: 299). Bei diesem Schauspiel handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Auch im Jahre 1155 auf dem Hoftag in Worms wurde dieser Rechtsbrauch praktiziert, als Kaiser Friedrich Barbarossa den Pfalzgrafen Herman von Stahleck und andere Adelige eine deutsche Meile in Büßergewändern und mit Asche auf dem Haupt Hunde durch die Stadt tragen ließ, um für einen Streit mit einem Bischof zu sühnen (Schwenk 1990: 289). Es lässt sich leicht ausmalen, dass solche Strafen, die vor den Augen der Öffentlichkeit vollzogen wurden, dazu dienten, den Bestraften lächerlich zu machen. Auch die zweite Strafe ist ehrenrührig, bezieht sich aber nicht auf Adelige, sondern auf Juden. Dabei wird eine symbolische Gleichheit von Juden mit Straßenund Pariahunden in die Tat umgesetzt. Diese Gleichheit hat ihren Ursprung wohl in dem Ausspruch Jesu am Kreuz, der bei Markus (15, 34) und Matthäus (27, 46) überliefert ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Dieser Vers aber entstammt wiederum den Psalmen des Alten Testaments und geht weiter mit den Worten: „Viele Hunde umlagern mich, eine Rotte von Bösen umkreist mich. Sie durchbohren mir Hände und Füße“ (Ps. 22, 2). Für die mittelalterlichen Exegeten war damit klar, dass Psalm und der Ausspruch des gekreuzigten Jesus austauschbar waren (Frey 2007: 122). Diejenigen, die die Kreuzigung in die Wege geleitet hatten, waren die Juden. Der Psalm spricht von den Hunden, vor denen sich der Flehende fürchtet. Damit waren Juden und Hunde gleichzusetzen. Da die Hunde der Bibel aber in allen dort auftretenden Fällen Paria- oder streunende Hunde waren, war der Griff zu einem solchen Hund immer dann möglich, wenn ein Jude bestraft werden sollte. Von Kötern, Jägern und Statussymbolen 57 Konkret sah die Strafe so aus, dass man Juden, die beim Diebstahl erwischt worden waren, aufhängte. Dieses Hängen erfolgte jedoch am Fuß. Neben dem Delinquenten wurden zeitgleich zwei Hunde an den Füßen aufgehängt, die in ihrer misslichen Lage um sich bissen und dabei den mit gehangenen Juden auch erwischten. Der Vollzug einer solchen Strafe ist aus Basel im Jahr 1374 und 1435, 1444 aus Frankfurt und 1476 aus Dortmund belegt. Der dortige Chronist schreibt dann auch davon, dass „die 3 hunde tosamen am galgen“ hingen und lässt so keinen Zweifel daran, dass Jude und Hund gleichzusetzen sind (Frey 2007: 130). In meinen Augen kann es keinen Zweifel daran geben, dass in den beiden aufgeführten Strafvollzugsmaßnahmen auf herrenlose Hunde zurückgegriffen wurde. Beim Hundetragen in Prag wird extra erwähnt, dass der Hund ein „maxima cane scabioso“ (Cosmas, lib. III, 118), also ein großer, räudiger Hund war; bei den jüdischen Dieben legt der Verweis auf die biblische Tradition der herrenlosen Hunde dies nahe. 5 Die Zunge des Priesters: Hunde und Kleriker Obwohl Hunde in der Bibel an nahezu allen Stellen negative Bedeutung haben, probiert bereits Augustinus in einer Exegese diese Konnotation anders zu deuten, scheint doch das biblische Bild mit seiner spätantiken Wahrnehmung nicht übereinzustimmen. Die Argumente des bedeutenden Kirchenvaters scheitern aber kläglich an der Differenz der Bedeutungen (Augustinus, Epist. Class. 3, 149, PL 33. 634). Augustinus begründet damit quasi die mittelalterliche Tradition der theologischen (Um-)Deutung von Hunden, denn anders als viele andere Tiere kommt der Hund im Physiologus, einem spätantiken Werk, in dem Tiere auf ihre heilsgeschichtliche Bedeutung hin überprüft werden, nicht vor. 5.1 Die heilende Zunge des Hundes Der heilige Rochus besuchte zusammen mit seinem Hund der Legende nach die im 13. Jahrhundert von der Pest befallenen Städte Südfrankreichs und kam bis Rom. Dort ging sein Hund zu den Pestinfizierten und leckte deren Wunden, Rochus selber legte ihnen die Hand auf. Auf seinem Weg heilte er einen Ort nach dem nächsten. Der Heilige aber steckte sich auch selber an und verzog sich mit seinem Hund, um andere nicht anzustecken, in eine kleine Hütte. Darin leckte der Hund 

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